Brennglas der Geschichte
Im Auftrag der Stadt Wuppertal hat der Historiker Michael Okroy die Geschichte der Bundesbahndirektion am Döppersberg aufgeschrieben
Die Neueröffnung des Hauses in diesem Jahr war nicht der einzige Grund für die Veröffentlichung, sondern auch die inzwischen 150-jährige Geschichte des Baus. Und die besteht nicht nur aus rosigen Zeiten, sondern hat auch dunkle Kapitel, die Michael Okroy ebenfalls beleuchten sollte.
Dabei seien viele geschichtliche Phasen des Baus, der vor allem eine überregionale Funktion als Reichsbahndirektion hatte, unerforscht, berichtete Okroy bei einer digitalen Pressekonferenz der Stadtverwaltung. So gebe es zum Beispiel keinen Hinweis auf den Architekten. Und während man wisse, dass der Bau in den 1870er-Jahren errichtet wurde, sei unklar, wann genau die Eröffnung war. Auch bauliche Erweiterungen seien nicht klar zu datieren.
Was aber sehr deutlich sei ist, dass der Bau ein Sinnbild der Wuppertaler Geschichte sei. Denn zur Direktion gehörte zunächst auch die Villa des Bahndirektors, die im 2. Weltkrieg zerstört wurde. Direkt unterhalb des heutigen Döppersbergs lag – also nur den sprichwörtlichen Steinwurf entfernt – ein Elendsviertel. Beides seien „Zeichen der Industrialisierung, auf engem Raum verdichtet“, berichtete Okroy. So trug der Bau der Eisenbahn nicht nur zur Industrialisierung und damit zum Aufschwung bei, sondern brachte auch viele Zuwanderer in die Stadt, die als Arbeiterinnen und Arbeiter (oftmals unter prekären Bedingungen) eingesetzt wurden.
Zu den dunklen Kapiteln gehört zudem, dass auch Wuppertaler bei der Direktion eine Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus spielten und dazu beitrugen, dass die Reichsbahn zu einem „willfährigen Helfer“ des Regimes wurde, wie es Okroy ausdrückte.
So war die Bahn an Deportationen von jüdischen Männern, Frauen und Kindern in die Ghettos und Konzentrationslager beteiligt. Die lokale Geschichte zeige damit gut den größeren Kontext, denn von Wuppertal aus gingen 4 Deportationstransporte über Düsseldorf-Derendorf in den Osten. Die Reichsbahndirektion ließ während des 2. Weltkriegs aber auch Tausende verschleppte Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen aus der Sowjetunion für sich arbeiten.
Weil die Direktion im 2. Weltkrieg stark beschädigt wurde, gebe es viele Lücken im Archiv. Okroy geht jedoch auch davon aus, dass zumindest bei der NS-Geschichte vieles bewusst zerstört wurde.
Mit dem Ende des 2. Weltkriegs beginnt das Ende der Eisenbahndirektion, was abermals als Bild für die deutsche Geschichte gesehen werden könne. In den 1970er-Jahren wurde die nun als Bundesbahndirektion bezeichnete Einrichtung aufgelöst. 2008 zog die letzte Dienststelle der Deutschen Bahn dort aus.
Die Clees-Unternehmensgruppe kaufte den Bau, der seit 1988 unter Denkmalschutz steht. Nach umfangreicher Sanierung arbeiten nun Mitarbeitende der Stadtverwaltung, des Jobcenters und der Bergischen Universität in dem Gebäude. Ende September zogen die ersten in ihre neuen Büros ein.
Die Broschüre bietet auch einen Überblick über die Entstehung der Eisenbahn, nennt architektonische Details und endet mit einem Blick in die Zukunft. Sie ist detailreich, mit Originalzitaten und zahlreichen Fotografien bestückt. Zudem nimmt sie jene Männer in den Blick, die die Eisenbahn-Geschichte des Wuppertals auf die eine oder andere Weise beeinflusst haben.
Ähnliche Publikationen, die durch die Begegnungsstätte Alte Synagoge angeregt wurden, gibt es unter anderem zum Polizeipräsidium und dem ehemaligen Kaufhaus Tietz am Elberfelder Neumarkt. Die neue Broschürenerstellung wurde von der Landeszentrale für politische Bildung unterstützt. Sie liegt im Rathaus Barmen, im Verwaltungshaus Elberfeld und anderen städtischen Einrichtungen aus und ist kostenlos.
Silke Nasemann